Napoleon Series Archive 2015

Der europäische Bund

Der europäische Bund: eine gescheiterte Vision der Freiheitskriege?

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000002039

Die Vision eines europäischen Bundes, wie sie die antinapoleonische Allianz in den deutschen Staaten während der Freiheitskriege 1813/14 in publizistischen Medien vertrat, hat bislang wenig Beachtung in der Forschung gefunden. Nationale Perspektiven auf die deutsche Tagesliteratur verdeckten bisher deren europäische Dimension. Die Auswertung von periodischen Druckerzeugnissen belegt aber, dass die verbündeten Mächte deutschen Zeitungslesern den Eindruck vermittelten, ihren Kampf gegen Napoleons Hegemonie für die Freiheit ganz Europas zu führen. Die Frage nach der staatlichen Zukunft der deutschen Nation war dabei stets ein integraler Bestandteil. Die Untersuchung dokumentiert die Genese, Entwicklung und Charakteristika der publizistischen Vision eines europäischen Bundes in der Zeit von der Konvention von Tauroggen am 30. Dezember 1812 bis zum Ersten Pariser Frieden vom 30. Mai 1814. Den Vormarsch der alliierten Truppen von Russland in Richtung Frankreich begleitete eine ausgedehnte Pressekampagne in den deutschen Staaten. Publizisten gründeten auf Befehl von machthabenden Militärs und im Einverständnis mit den jeweiligen Landesherren neue Zeitschriften und Zeitungen. Die Redaktionen dieser Blätter übernahmen die Aufgabe, die alliierten Kriegsziele zu popularisieren. In Abgrenzung zu der vorangegangenen Pressepolitik Napoleons übten die Schriftleitungen neue Formen der Informationsbeschaffung, der tagesaktuellen Kriegsberichterstattung und der historisch-politischen Kommentierung ein. Die Journalisten machten den Aufbau ihrer Staatenverbindung zum publizistischen Thema und stilisierten dabei das militärisch-politische Vorgehen der Alliierten zu einer Erfolgsgeschichte. Die Gegenwart definierten die Autoren im Rückgriff auf die Französische Revolution als den Beginn einer neuen Zeit innerhalb des europäischen Staatensystems. Den Staaten auf dem Kontinent und auch den Deutschen eröffne sich die Chance, nach den Jahren der französischen Vorherrschaft künftig wieder in innerem und äußerem Frieden zu leben. Konform zu den alliierten Kriegszielen entwickelten die Schriftsteller Konzepte zur künftigen Sicherung des Friedenszustandes in Europa auf einer rechtlichen Grundlage, die die Neuordnung der europäischen und deutschen Staatenwelt in einen unauflöslichen Zusammenhang stellte. Die antinapoleonische Koalition inszenierte während der bewaffneten Auseinandersetzungen in den deutschen Staaten erfolgreich das publizistische Bild eines europäischen Bundes, der sich für den Frieden und die Freiheit aller auf dem Kontinent einsetzte. Alle machtpolitischen Interessen und Konflikte unter den europäischen Verbündeten blieben der deutschen Öffentlichkeit verborgen. Auch wenn es den Alliierten nicht gelang, den Bündniskonsens der europäischen Herrschaftsvertreter über das Frühjahr 1814 hinaus zu erhalten, war die propagierte Vision doch ein öffentlichkeitswirksames Mittel zur Friedensschaffung.